Die Unterschiede zwischen einer gewöhnlichen und einer alchymistischen Tinktur

Die Unterschiede zwischen einer gewöhnlichen und einer alchymistischen Tinktur

In der heutigen Naturheilkunde nimmt man für die Herstellung einer sogenannten galenischen Tinktur eine Pflanze und übergießt sie mit einem Lösungsmittel, meistens Alkohol. Leider sind dies oft nur noch Überbleibsel einer viel umfassenderen Herstellungsart, die heute großteils in Vergessenheit geraten ist. Am Ende des Eisernen Zeitalters hat der Mensch vieles, was notwendig ist für wahres Mensch-Sein, vergessen – so vor allem in der Heilkunst und der Herstellung von wirksamen Heilmitteln.

In der wahren Heilkunst und Alchymie wird das, was wir heute als Tinktur bezeichnen, eigentlich als Mazerat gesehen. Dieses Mazerat stellt lediglich einen einzelnen Schritt dar, dem noch viele weitere folgen müssen, bevor im spagyrischen Sinne überhaupt von einer Tinktur gesprochen werden kann. Ähnlich verhält es sich mit den Edelsteinessenzen, bei denen Edelsteine in Wasser gelegt werden, um Schwingungen zu übertragen. Dies ist sicherlich wirksam, dennoch ist die eigentliche Definition von Essenz eine andere.

Signifikant ist dabei, dass heute fast ausschließlich von Wirkstoffen gesprochen wird, mit der Annahme, der Alkohol ziehe diese aus der Pflanze heraus. In der Alchymie gelten Wirkstoffe jedoch als moderner Aberglaube. Es gibt keine Wirkstoffe, sondern Wirkkräfte, die sich stofflich äußern.

In der Alchymie wird nicht in Stoffen gedacht, sondern in Kräften und geistigen Prinzipien. Alles kommt aus dem Einen und gelangt über verschiedene Stufen in die Vielheit der Materie (sehr vereinfacht ausgedrückt – mehr dazu in meinen anderen Blogartikeln). Dabei ist eine entscheidende Ebene die der drei philosophischen Prinzipien: Merkur, Sulfur und Sal.

Alkohol ist hierbei nicht einfach ein Stoff, sondern eine stoffliche Äußerung des philosophischen Prinzips Merkur. Er ist die Äußerung des anonymen Lebensgeistes, des Götterboten, der von Gott verliehenen, unpersönlichen Lebenskraft im Pflanzenreich. Die Pflanze selbst ist, wie alles in der Natur, ein dreifaltiges Wesen mit Körper, Geist und Seele.

Wenn wir wirksame Präparate herstellen wollen, ist dieses Denken von großer Bedeutung, da wir nur in diesem lebendigen Verständnis lebendige Arznei generieren können. Die galenische Tinktur stellt hierbei nur eines der drei Prinzipien dar, und dieses Prinzip wurde nicht kunstgerecht gereinigt und mit den anderen wieder verbunden. Gerade dieses richtige Scheiden, Reinigen und Verbinden ist eine wichtige alchymistische Arbeitsweise und eines der Kriterien für eine wahre Tinktur.

Die galenische Tinktur befindet sich somit auf der Stufe des Trennens und macht lediglich die ersten Schritte. Die vollständige Trennung, Reinigung und kunstgemäße Verbindung der Prinzipien erfolgt nicht, weshalb ihre Wirksamkeit oft nur knapp über der eines Tees liegt. Ein Tee ist ja schließlich auch ein Pflanzenauszug – nur eben mit Wasser als Lösungsmittel. Das Mazerat und der Tee sind wirksame Heilmittel, jedoch eben keine Tinkturen im wahrhaftigen Sinne.

Unsere wahre Natur ist geistig, und so muss auch unsere Arznei diesen Gesetzen entsprechen. Die Verwendung von Destillation, Kalzination und anderen Verfahren dient dazu, die drei philosophischen Prinzipien – oder die fünf Elemente – kunstvoll zu bearbeiten und den innewohnenden göttlichen Funken wirksam in Erscheinung treten zu lassen. Diese Verfahren sind notwendig auf dem Weg zur alchymistischen Tinktur, Essenz oder zum Elixier. Welche Verfahren genau zum Einsatz kommen und wie diese ausgeführt werden, bestimmt den Grad der Reinigung, welcher zusammen mit weiteren Kriterien die Basis für eine Unterscheidung zwischen Tinktur, Essenz und Elixier ist. Üblich ist es, dass bei einer Tinktur mindestens eines der Prinzipien korrekt dargestellt werden muss, bei der Essenz alle drei, und beim Elixier kommen noch weitere Aspekte hinzu, wie die Volatilisierung des Salzes – also das Fixe flüchtig zu machen.

Auch ist die innere Haltung und Absicht des Alchymisten von großer Bedeutung. Macht er die Arbeit als wahrhaftiger Diener der Natur oder aus Profitgier? Gibt er der Arbeit ein gesundes Maß an Zeit und Liebe hinzu? Handelt er aus seiner Seele? Zu welchen astrologisch bedeutsamen Zeitpunkten wird das Ausgangsmaterial besorgt? An welchen Standorten sucht man die Pflanzen? Und so weiter …

Ich hoffe, ihr konntet damit einen kleinen Einblick bekommen, wie viel mehr in der Alchymie unter dem Begriff Tinktur verstanden wird.

Licht. Liebe. Leben.